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Piassava Palmfaser und Piaçava Dächer

Der Begriff Piassava (auf Portugiesisch piaçava oder piaçaba) hat verschiedene Bedeutungen. Zum einen dient er als Schirmbegriff für einen bestimmte Typus von wasserabweisender und sehr widerstandsfähiger Palmfaser, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Rohstoff zur Herstellung von Strassen- und Industriebesen Bedeutung erlangte und heute auch in der Produktion von Kehrmaschinen, Isolationsstoffen und Fahrzeugsitzen Verwendung findet. Diverse Palmenarten aus Südamerika und Afrika liefern die hierzu notwendigen Fasern in verschiedenen Qualitätsstufen. Als Bezeichnung für ein Handelsprodukt umschliesst der Begriff Piassava (auf Englisch auch piassave, monkey grass oder para grass) somit mehrere, aus biologischer Sicht verschiedene Palmenarten aus unterschiedlichen Herkunftsregionen.

Zum anderen bezeichnet Piaçava oder Piaçaveira die in den nordostbrasilianischem Bundesstaaten Bahia, Sergipe und Alagoas endemisch vorkommende Palmenart Attalea funifera Mart., zu Deutsch auch "Strickpalme", welche die oben beschriebene Naturfaser in höchster Qualität liefert. Ihr natürliches Vorkommen konzentriert sich auf einen 2 bis 20 Kilometer breiten Küstenstreifen im Bundesstaat Bahia, zwischen der Gemeinde Prado (17°E 20°S) und dem Norden der Hauptstadt Salvador (11°E 30°S), wo sie einen Teil der sogenannten Restinga, einer in Küstennähe auftretenden Formation des atlantischen Regenwaldes, bildet. Besonders stark ist ihre Verbreitung in den Gemeinden Cairu, Camamu, Ituberá, Nilo Peçanha und Taperoá, wo sie blendend gedeiht. Als internationales Handelsprodukt trägt die von der bahianischen Piaçava Palme produzierte Faser daher auch häufig den Namen "Bahia" oder "Bahia Bass".

Insgesamt umfasst die Gattung Attalea in Lateinamerika 22 Arten, von denen 15 in Brasilien vorkommen, 8 davon in Bahia. Kurioserweise ist Attalea funifera die einzige endemische Palmenart in der sonst für ihren hohen Artenreichtum und Endemismus notorischen Region des atlantischen Regenwaldes. Abhängig von Böden und Niederschlägen sind verschiedene Ecotypen von A. funifera bekannt. So werden Piaçava Bestände der Region von Praia do Forte an der Nordküste Bahias aufgrund ihres Erscheinungsbildes auch als A. acaulis bezeichnet, obwohl sie der selben Art (A. funifera) angehören. Diese Pflanzen sind in der Regel kleinwüchsiger und liefern Fasern von geringerer Stärke, die leicht abzuernten sind und sich als Rohstoff für Kunsthandwerk und Dachbedeckungen eignen. In der selben Gegend (Rio Pojuca, Bahia) wächst auch die normalgrosse Variante in der Nähe von Flüssen und Seen spontan. Im brasilianischen Sprachgebrauch nicht mit der Piaçava (Attalea funifera) zu verwechseln ist die im Amazonasgebiet heimische Piaça victoryag real online pokies ba (Leopoldinia piassaba) aus der ebenfalls resistente Fasern gewonnen werden.

Piassava Faser war bereits den brasilianischen Ureinwohnern bestens bekannt, was nicht zuletzt durch die Herkunft des Namens "Piassava" belegt wird, der in der Indianersprache Tupi soviel wie "Schlinge" oder "knüpfen" bedeutet. Wegen ihrer Härte und Haltbarkeit fanden sie zur Herstellung von Matten, Schnüren und anderen Gebrauchsgegenständen, wegen ihrer wasserabweisenden Eigenschaften in Dachkonstruktionen Verwendung. Piassava gilt daher zurecht als typisch brasilianischer Baustoff. Zusätzlich werden aus den Sprösslingen und Nüssen der Piaçava Palme (A. funifera) traditionell Nahrungsmittel in Form von Palmherzen, Mehl, Brei und Speiseöl gewonnen, in jüngerer Zeit auch sojamilch-ähnliche Getränke. Auch die Verwendung der Piaçava Nuss als Rohstoff für Kunsthandwerksgegenstände ("marfim-vegetal" oder "pflanzlicher Elfenbein") und als Energiequelle in Form von Holzkohle ist traditionell.

Während der Kolonialzeit diente Piassava Faser zur Herstellung von Schiffstauen, später auch zur Isolation von Transportkisten für Zucker bei Atlantiküberquerungen. Auf diesem Weg gelangte sie nach Europa, wo seit Mitte des 19. Jahrhunderts Besen und Bürsten aus ihr hergestellt werden. Daneben findet Piassava heute Verwendung bei der Herstellung von Materialien zur thermischen Isolation und Füllstoff für Kraftwagensitze. Zu den wichtigsten Abnehmern zählen die USA, Grossbritannien, Portugal, Belgien, die Niederlande, Deutschland und Argentinien. Russland importiert Piassava auch zur Ausrüstung von Schneeräum-Maschinen.

Die bahianische Piaçava Wirtschaft gilt als Musterbeispiel nachhaltiger Waldnutzung. Die Palme gedeiht auch auf nährstoffarmen und somit für diverse andere lokale Kulturen ungünstigen Böden, benötigt keine chemischen Hilfsmittel und bietet bereits bei wenigen Hektar Anbaufläche ansehnliche Erträge. Ernte und Aufbereitung der Fasern erfolgen manuell und sichern Arbeitsplätze in der ländlichen Bevölkerung. Die Nutzung von Piaçava Produkten aller Art gilt daher als hochgradig unterstützenswert.

Das Rohmaterial für Piaçava-Dächer ist ein beim Schälen der eigentlichen Handelsfasern anfallendes Nebenprodukt, auf portugiesisch auch fita oder borra. Dieses feine und geschmeidige Palmstroh wird von unten nach oben in das Holzgitter des Dachstuhls, dessen Verstrebungen 15 bis 20 cm auseinander liegen, eingeflochten. Bei diesem Prozess bleiben auf der Aussenseite lange Faserstränge überstehen, die nach unten glatt abgekämmt werden, was wesentlich zum tpyisch natürlichen Aussehen eines Piaçava Dachs beiträgt. Für 10m² Dachfläche sind rund 100 Meter Rohmaterial notwendig. Die Dicke des fertigen Daches beträgt etwa 10 cm. Piacava Dächer benötigen eine minimale Neigung von um die 45%, um optimalen Abfluss von Regenwasser zu gewährleisten. Die durchschnittliche Lebenszeit eines Piaçava-Daches liegt, gute Pflege und native Witterungsbedingungen vorausgesetzt, bei bis zu 12 Jahren, und ist somit im Vergleich mit anderen Arten tropischer Strohdächer hoch. Richtige Pflege beinhaltet eine alle 4 bis 7 Jahre fällige Wartung, bei der loose Stellen ausgebessert werden.

In Bahia ist die Herstellung von Dächern aus Piaçava eine gut erhaltene Volkskunst mit diversen regionalen Variationen. Aufgrund der durch die zahlreichen Hohlräume bedingte gute Lüftung, der positiven thermischen Eigenschaften der Faser und die perfekt an tropische Klimata angepasste Bautechnik ist die Wohnqualität unter professionell angefertigten und gut gepflegten Piaçava-Dächern ausgesprochen hoch. Entgegen der landläufigen Meinung wird beim Menschen das thermische Wohlbefinden nicht nur durch die Umgebungstemperatur des Raumes bestimmt. Forschungen haben gezeigt, dass die gemessene Raumtemperatur nur zu einem Drittel unser Wohlbefinden beeinflusst. Die restlichen 66 Prozent werden durch Verdunstung und die Umgebungsstrahlung, also die Oberflächentemperatur der Wände und vor allem die des Daches mitbestimmt. Im Gegensatz zu Ziegel- oder Eternitdächern ist die Abstrahlungstemperatur eines Piaçava Daches immer gleich der Umgebungstemperatur. Hiermit steigt unser thermisches Wohlbefinden und somit auch unser Wohnkomfort.

In Mata de São João und Entre Rios, zwei in unmittelbarer Umgebung von Praia do Forte gelegenen Landkreisen an der Linha Verde, leben rund 150 Menschen vom Piaçava Kunsthandwerk. In der Regel wird es innerhalb der Familie erlernt, wo es bereits seit Generationen weitergegeben wird. Als regionale Zentren des Handwerks gelten die abseits vom touristischen Betrieb gelegenen Dörfer Diogo, Santo Antônio, Sauipe und Canoas, alle nur wenige Kilometer von Praia do Forte entfernt. Bis Mitte der 1980er Jahre existierten in Praia do Forte und anderen Küstenorten zahlreiche Gebäude mit Piaçava-Dächern, darunter auch Pensionen und Hotel-Bungalows. Mit der Intensivierung des Tourismus in Praia do Forte geriet Piaçava Architektur jedoch zunehmend ins Abseits. Abgesehen von Liebhaberobjekten wie unserem Ferienhaus beschränkte sich ihre Nutzung in touristisch erschlossenen Gegenden bis vor wenigen Jahren fast ausschliesslich auf Bedeckungen von Strandbars, Kiosken und Gartenhäusern.

Moderne Piaçava Häuser mit 350m² Wohnfläche im Luxussegment, im Bau, 2011, an der Linha Verde, BahiaEine interessante Entwicklung der jüngsten Zeit ist, dass brasilianische Resorts im Hochpreissegment vermehrt dazu übergehen, Bungalows mit Piaçava Dächern anzubieten. Das Tivoli Luxus Resort  an der Linha Verde unweit von Praia do Forte etwa baut neben seiner Hotelanlage auch 20 Häuser im Luxussegment, die alle mit Piaçava gedeckt sind. Piaçava, einst Baumaterial der armen Bevölkerung, wird nun von den Wohlhabenden (wieder)entdeckt und verzeichnet so deutliche Prestigegewinne. Ferienfotos von Bungalows mit Piaçava Dächern sind zur Zeit mindestens genauso schick wie solche von 5-Sterne Hotels. Aus ökonomischer Sicht ist Piaçava so auf dem besten Weg, zu einem Positionsgut mit hohem Beachtungsgehalt zu avancieren.

 

 

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